Riskante Entscheidungen – entscheidende Risiken
Niemand betrachtet Speiseeis als ein grosses Risiko für Kinder, aber der Eiswagen, der die vierjährige Bo-Bo Valentine überfuhr, als sie auf die Strasse rannte, hätte beinahe ihr junges Leben ausgelöscht.
Als ich sie an einem Montagmorgen zum ersten Mal sah, lag sie im Koma auf der Intensivstation – angeschlossen an ein Messgerät für den Schädelinnendruck. Einer der Assistenzärzte fasste ihren Fall so zusammen: «Ist es nicht an der Zeit, das kleine Mädchen aufzugeben? Ungefähr das Einzige, was sie noch zeigt, ist eine Pupillenreaktion», was bedeutete, dass ihre Pupillen noch auf Licht reagierten. Ansonsten hatte sie jede Reaktionsfähigkeit verloren.
Bevor ich ihm antwortete, beugte ich mich über Bo-Bo und hob sanft ihr Augenlid an. Ihre Pupillen waren starr und geweitet. «Haben Sie nicht gesagt, dass ihre Pupillen noch reagieren?» – «Vor einer Minute taten sie es noch», beharrte er. «Dann meinen Sie, dass ihre Pupillen sich in diesem Augenblick geweitet hatten?» – «Das müssen sie wohl!»
Sofort etwas tun?
Wenn das der Fall war, dann bedeutete es, dass in diesem Moment etwas Ernsthaftes geschah, und wir mussten sofort etwas unternehmen, wenn wir hofften, weiteren Schaden abzuwenden.
«Rufen Sie den OP an», sagte ich zu der Krankenschwester. «Sagen Sie ihnen, dass wir kommen! Akuter Notfall!»
Alles überschlug sich. Zwei der Ärzte griffen nach Bo-Bos Bett und rannten damit den Flur entlang. Auf dem Weg in den OP begegnete mir ein anderer Neurochirurg. Er war einer der Oberärzte, dem ich aufgrund seiner Arbeit mit Traumapatienten hohen Respekt entgegenbrachte. Während die Mitarbeiter den OP vorbereiteten, erklärte ich ihm, was geschehen war und was ich vorhatte.
«Tun Sie es nicht!», sagte er, während er sich abwandte und davonging. «Sie verschwenden Ihre Zeit.»
Ich operiere trotzdem!
Seine Reaktion überraschte mich, aber ich liess mich nicht davon abhalten. Dazu war keine Zeit. Bo-Bo lebte noch und wir hatten eine kleine Chance, ihr Leben zu retten. Ich dachte nicht weiter über meine Entscheidung nach. Ich würde die Operation so oder so durchführen. Innerhalb von Minuten war alles bereit, um eine Kraniektomie (Entfernung eines Teiles der Schädeldecke, um Druck zu entfernen) durchzuführen. Zuerst öffnete ich ihren Kopf und nahm den vorderen Teil ihres Schädelknochens ab. Dann öffnete ich die Dura, die lederähnliche Haut, die das Hirngewebe schützt. Zwischen den beiden Gehirnhälften liegt die Falx (Hirnsichel). Durch eine Spaltung der Falx könnten die beiden Hälften von Bo-Bos Gehirn miteinander kommunizieren und den Druck ausgleichen. Die Entfernung eines Teils des Schädels reduzierte noch weiter den Druck, der durch die Schwellung entstanden war. Der ganze Vorgang gab ihrem Gehirn Raum zum Abschwellen, bis es anfangen konnte zu heilen. Die gesamte Operation dauerte etwa zwei Stunden.
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Bild: pexels.com
Prof. Dr. med. Ben Carson, Neurochirurge
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