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Vergebung – ein neues Mittel gegen Bluthochdruck

Pharmafirmen entwickeln immer neue Medikamente gegen Hohen Blutdruck. Eine ganzheitliche Therapie berücksichtigt aber auch andere Massnahmen, z.B. eine gesunde Ernährung, eine gute Gewichtskontrolle, Abstinenz oder zumindestens Einschänkung von Alkohol, regelmässige körperliche Bewegung und einen guten Umgang mit Ärger und Frustrationen.

Als die achtzigjährige aber immer noch sehr aktive Frau H. Wüthrich* mich in meiner psychosomatisch orientierten Grundversorgerpraxis konsultierte, wurde sie seit 16 Jahren wegen Bluthochdruck behandelt. Wegen Brustschmerzen war bei ihr vor fünf Jahren eine Herzkatheteruntersuchung durchgeführt worden, welche zwar diffuse Verhärtungen jedoch keine relevanten Verengungen der Herzkranzgefässe zeigte. Frau W. stand unter einer Behandlung mit Aspirin und zwei Blutdruckmedikamenten. Während der letzten Wochen war es zu einem Anstieg des Blutdrucks gekommen, so dass ich – leider erfolglos – die Behandlung mit einem harntreibenden Mittel ergänzte. Frau W. berichtete über tägliche auftretende Brustschmerzen, welche sie wie einen Stein beschrieb, der ihr auf sie drücke. Dadurch wurde sie in ihrer körperlichen Aktivität deutlich eingeschränkt.

Ich zog einen Herzspezialisten bei, der mir empfahl den Blutdruck von Frau W. besser einzustellen. Bisher bestand also eine Kombinationstherapie mit drei verschieden wirkenden Blutdruckmitteln. Als nächsten Schritt fügte ich ein weiteres hinzu. Frau W. fühlte sich jedoch überhaupt nicht besser und ihr Blutdruck schwankte in einem Bereich zwischen 200/121 und 108/87.

Ich fragte mich, was als nächstes zu tun wäre. Wie könnte es gelingen, diese Blutdruckspitzen zu verhüten und gleichzeitig zu verhindern, dass Symptome eines zu niedrigen Blutdrucks aufträten. Was würden Sie in so einer Situation zu tun? Würden Sie in Betracht ziehen, Vergebung zu lehren? Ich tat es. Wir begannen mit einem Vergebungstraining, der Blutdruck normalisierte sich und die Brustschmerzen traten nicht mehr auf. Nach 18 Monaten war der Blutdruck unter der ursprünglichen Behandlung mit Werten um 130/80 immer noch gut eingestellt!

Auf die Idee mit dem Vergebungstraining kam ich aufgrund einer Studie, welche von Dr. Dick Tibbits und Mitarbeitern am Florida Hospital in Orlando USA durchgeführt worden war. Sie untersuchten die Auswirkungen eines Vergebungstrainings auf den Blutdruck. Sie konnten nachweisen, dass ein 8-wöchiges Trainingsprogramm Teilnehmern mit Bluthochdruck hilft, ihren Ärger zu reduzieren. Zudem besteht auch eine positive Korrelation zwischen Ärgerreduktion und Blutdruckreduktion. Diejenigen Teilnehmer, die zu Beginn des Programms erhöhte Ärgerwerte verzeichneten, erzielten eine deutliche Reduktion ihres erhöhten Blutdrucks. Die Forscher schlossen, dass Vergebungstraining eine effektive Massnahme zur Behandlung von Bluthochdruckpatienten mit erhöhten Ärgerwerten sein kann.

Auch bei meiner Patientin Frau Wüthrich hat diese Art der Behandlung gewirkt. Patienten mit Bluthochdruck müssen oft über Jahrzehnte teure Medikamente schlucken. Wie gross wäre wohl der Gewinn an Lebensqualität, wenn mehr Patienten von einem Vergebungstraining profitieren könnten? Wie gross wäre wohl das Sparpotential an unnötig verabreichten Medikamenten? Wie viele Medikamentennebenwirkungen könnten wohl vermieden werden? Wird wohl Vergebungstraining Eingang in die übliche Therapie von Bluthochdruck finden?


*Name geändert

**Hypertension reduction through forgiveness training.
Tibbits D, Ellis G, Piramelli C, Luskin F, Lukman R; J Pastoral Care Counsel 2006, 60(1-2) :27-34

Dr. med. Ruedi Brodbeck, nach einem Symposiumsbeitrag an der European Conference on Religion, Health and Spirituality, Bern, 2008
 

Dr. med. Ruedi Brodbeck, Facharzt Allgemeine Innere Medizin FMH, Psychosomatische und Psychosoziale Medizin SAPPM

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